Nachdem die Interviews mit Marco Michalzik von boots-blog und dem Rapper Mo-Torres so gut ankamen, habe ich heute einen besonderen Leckerbissen für dich! Ich habe mit Ralf Leister von fussballwirtschaft.de über den HSV, RB Leipzig, Geld und viele weitere Themen gesprochen. Viel Spaß mit dem Interview!

 

dasschoenespiel.de: Moin Ralf! Zuerst einmal ein riesiges Dankeschön für deine Zeit. Erkläre doch in 1,2 kurzen Sätzen wer du bist und was du so treibst.

Ralf Leister: Moin Phil, gerne: Ich bin Ralf und beschäftige mich seit 2014 mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen im Fußball. Angefangen hat alles mit meiner Bachelorarbeit zur Ausgliederung beim HSV (HSVPlus).

dasschoenespiel.de: Seit wann betreibst du Fussballwirtschaft.de? Was war deine Intention hinter dem Blog?

Ralf Leister: Nach meiner Bachelorarbeit habe ich im Team mit der Hamburg School of Business Adminstration und IVOX Glass Lewis (Corporate Governance-Dienstleister) weiter zum Thema Corporate Governance in der Bundesliga geforscht. Im Wesentlichen geht es dabei um die Unternehmensführung der Bundesligaclubs.

Zum Ende der Forschung habe ich mich wieder etwas breiter aufgestellt, ein Hochschulseminar ins Leben gerufen und im Sommer 2016 Fussballwirtschaft.de gegründet.

Mein Ziel ist es, die Blackbox „Wirtschaftsunternehmen Fußball-Club“ für jeden, den es interessiert, anschaulich und verständlich zu erklären. Dabei verwende ich einfache Analysen, die ich aus meinem Berater-Job kenne und lerne natürlich täglich dazu.

Schießt Geld Tore? Wird RB Leipzig sich durchsetzen?

dasschoenespiel.de: Klingt alles sehr wirtschaftlich. Da fällt mir spontan eine Frage ein: Geld schießt keine Tore, richtig?

Ralf Leister: Kommt drauf an. Ich würde es so formulieren: Man kann viel Geld ausgeben, ohne viele Tore zu schießen. Die meisten Clubs, die viele Tore schießen, geben jedoch auch einiges an Geld aus.

Tore schießen sollte hierbei aber nicht das Hauptziel sein. Es bringt Dir nichts viele Tore zu schießen, wenn Du noch mehr kassierst. Abgerechnet wird eh erst am Ende der Saison und da stehen meistens finanziell sehr starke Clubs weit oben. Also FC Bayern, Borussia Dortmund und ab dieser Saison auch RB Leipzig.

dasschoenespiel.de: Du bist großer HSV-Fan. Wie viel RB Leipzig steckt denn im HSV?

Ralf Leister: Hierüber könnten wir das ganze Interview führen. Ich versuche mich kurz zu fassen.

Über die unterschiedliche Historie müssen wir nicht sprechen. Aber auch hinsichtlich der Finanzierung unterscheiden sich die Clubs. RB Leipzig ist über einen sehr exklusiven eingetragenen Verein innerhalb der Red Bull GmbH in komplettem Privatbesitz. Klassische Fans oder Mitglieder, die mitbestimmen dürfen, gibt es nicht.

Der HSV hingegen hat über 76.000 Mitglieder und somit eine sehr große Basis. Über den HSV e.V. besitzt diese Basis immerhin noch ca. 85% der HSV Fußball AG und ist somit klarer Mehrheitseigner.

Unabhängig von ihrem Anteil sind die Investoren in der Öffentlichkeit unterschiedlich stark präsent. Während der Fokus bei RB Leipzig nahezu ausschließlich auf dem Sportlichen liegt, wird beim HSV jede Kleinigkeit durch die Medien getragen. Ich vermute, dass dies stark mit der emotionalen Vergangenheit und dem großen Interesse am Club zu tun hat.

Sportlich gesehen steht es diese Saison zwischen dem HSV und RB Leipzig nach beiden Partien immerhin unentschieden.

dasschoenespiel.de: Könnte RB Leipzig sich nachhaltig in der Bundesliga als „Bayern-Jäger“ etablieren?

Ralf Leister: Davon bin ich fest überzeugt. Sicherlich schwimmt RB Leipzig seit längerer Zeit auf einer Euphorie-Welle. Das gesamte Umfeld macht auf mich jedoch einen so professionellen Eindruck, dass ich dem Club eine positive Entwicklung zutraue. Ich finde es gut, wenn die Bayern einen neuen Konkurrenten bekommen. Im Meisterschaftskampf ist es in letzter Zeit meiner Meinung nach zu einseitig geworden.

Kommerzialisierung im Fußball und China

dasschoenespiel.de: Wie beurteilst du die voranschreitende Kommerzialisierung des Fußballs? Erwartest du zukünftig eine Art Crash?

Ralf Leister: Die Frage nach der Blase ist bei stark wachsenden Märkten ja nie weit entfernt. Es gibt Stimmen in der Branche, die von „Übersättigung“ sprechen. Heutzutage gibt es immer mehr Spiele, noch größere Turniere etc. Neben der Belastung für die Spieler sehe ich die Gefahr, dass der Fußballmarkt gesättigt ist, nur bedingt. Fußballfans sind sehr loyal und emotional an ihren Club gebunden.

Ich sage immer: Der Fußball lebt davon, dass wir ihn schauen. Und solange das gegeben ist, müssen wir uns um einen Crash keine Gedanken machen.

dasschoenespiel.de: Sind die erhöhten Ablösesummen eine logische Konsequenz der englischen „Kaufwut“?

Ralf Leister: Klar. Ich würde hier nicht mal von Wut sprechen, sondern eher von logischem Menschenverstand. Jeden Cent, den die englischen Clubs nicht ausgeben, müssen sie versteuern und / oder an ihre Anteilseigner ausschütten. Da macht es doch viel mehr Sinn, das Geld zu investieren, oder?

Ich vermute, dass von der Bundesliga ab der kommenden Saison durch den neuen TV-Deal ein ähnlicher Impuls ausgeht.

dasschoenespiel.de: Die FIFA möchte mit einer „Mega-WM“ im Jahr 2026 das Turnier weiter globalisieren. Eine Chance für den Weltfußball?

Ralf Leister: Ich bin für Gerechtigkeit. Das bedeutet für mich, dass jede Nation die Chance haben muss, an einer WM teilzunehmen. Durch das derzeitige Qualifikationsverfahren ist das meiner Meinung nach schon gut möglich.

Ich sehe in der „Mega-WM“ eher ein weiteren Schritt Richtung Übersättigung. Viele Spiele werde ich mir nicht anschauen und stehe mit dieser Einstellung nicht alleine da.

dasschoenespiel.de: Die chinesische Liga überschwemmt den Markt mit exorbitanten Ablösesummen. Die Chinesen erhoffen sich dadurch natürlich die Stärkung der Marke „CSL“, aber wird sich der chinesische Nachwuchs so auch entwickeln können? Das Ziel heißt schließlich „Weltmeister werden bis 2026“.

Die Chinese Super League hat das Problem, dass ambitionierte Fußballer eher in den europäischen Ligen spielen wollen. Die Major Soccer League in den USA verdeutlicht seit Jahren, wie schwer es ist junge Top-Spieler zu bekommen. Derzeit gehen die alternden Stars nach China oder in die USA, um nochmal gutes Geld zu verdienen.

Auf Nachwuchs zu setzen ist der logische Schluss. Diesen verfolgen die Chinesen mit großer Konsequenz. In Deutschland gibt es derzeit ca. 160 Nachwuchsleistungszentren (NLZ). In China werden gerade zig tausende davon gebaut. Aufgrund der großen Bevölkerung kann ich mir gut vorstellen, dass das ein oder andere Talent dabei ist. Die Frage ist natürlich, ob die besagten Talente dann tatsächlich in ihrer Heimatliga bleiben oder doch lieber nach Europa wechseln.

Die 50+1 Regelung

dasschoenespiel.de: Die Schere zwischen arm und reich geht in der Bundesliga immer weiter auseinander, sollte die 50+1 Regel fallen?

Ralf Leister: Ich wäre dafür. Nur leider darf ich nicht abstimmen. Ich finde es amüsant, dass nahezu alle Verantwortlichen davon ausgehen, dass die 50+1-Regel fallen wird. Dennoch scheitern diese Abstimmungen immer wieder. Meiner Meinung nach ist diese Regel ein Auslaufmodell.

Es gibt zahlreiche Mittel und Wege, die 50+1-Regel auszuhebeln. Dortmund, Leipzig, Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim, Hannover…alles Beispiele für kreative Regelungen oder Ausnahmen. Auf lange Sicht muss die 50+1-Regel fallen, um den Wettbewerb ausgeglichener zu machen. Besagte Clubs haben natürlich weniger Interesse daran, da sie derzeit „besser“ gestellt sind.

Besser gestellt sein bedeutet in diesem Fall, dass die Clubs mehr Anteile verkaufen können und somit mehr Kapital zur Verfügung haben, als die Konkurrenz.

dasschoenespiel.de: Vereine wie der 1. FC Köln oder Eintracht Frankfurt stehen trotz der kleinen Etats ziemlich weit oben in der Tabelle. Welche Faktoren machst du für diesen Erfolg verantwortlich?

Ralf Leister: Auch wenn der Fußball immer als Sport des einfachen Mannes bezeichnet wird, ist er komplexer, als viele denken. Es gewinnt nicht immer die Mannschaft mit den besten Spielern. Neben der Qualität des Kaders spielen meiner Meinung nach Zufall und Zusammenhalt eine große Rolle.

Es ist zwar möglich, den Zufall zu quantifizieren, aber ihn zu beeinflussen ist nahezu unmöglich. Zusammenhalt als Erfolgsfaktor taucht in diesem Kontext auch wenig überraschend auf. Dennoch ist es mehr, als nur einmal im Monat mit dem gesamten Team essen zu gehen.

Ich spreche von der Kultur innerhalb eines Fußballclubs. Objektiv weniger starke Clubs wie Köln oder Frankfurt sind hierbei aktuell Paradebeispiele. Das Umfeld, die Spieler und die Verantwortlichen treten als Team auf und schwimmen auf einer Erfolgswelle.

Problematisch ist jedoch, dass diese Kultur sehr dynamisch ist. Mit ein, zwei unglücklichen Niederlagen kann die Stimmung kippen. Genau das macht den Fußball so spannend.

dasschoenespiel.de: Wird die Bundesliga auf lange Sicht noch mit der Premier League konkurrieren können?

Ralf Leister: Ich denke ja. Wir haben ja bereits darüber gesprochen, dass es für die Premier League Clubs nur logisch war, ihr ganzes Geld auszugeben. Dieses in Spieler zu investieren, liegt hierbei nahe. Dabei handelt es sich aber nicht nur um einmalige Investitionen in die Ablösesummen. Auch die Gehälter müssen gezahlt werden. Ich gehe nicht davon aus, dass die Premier League in jedem Jahr auf dem Transfermarkt so aktiv ist, wie im letzten Sommer.

Hinzu kommt, dass die Bundesliga ab der kommenden Saison auf einen Schlag ebenfalls noch mehr Geld zur Verfügung hat. Auch in den Jahren zuvor war England finanziell etwas stärker. Das hat der sportlichen Vergleichbarkeit allerdings überhaupt nicht geschadet.

Lifestyle und Mode

dasschoenespiel.de: dasschoenespiel.de konzentriert sich hauptsächlich auf Boots, Trikots und Lifestyle abseits des Platzes. Wie siehst du die Verschmelzung aus Stadion und Straße?

Ralf Leister: Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich meine Total90-Schuhe als Kind nicht nur auf dem Fußballplatz getragen habe. Meine Eltern fanden das glaube ich nicht so gut.

Aber im Ernst: Ohne zu tief in diese Thematik eingearbeitet zu sein, bekomme ich mit, dass es in unserer Gesellschaft einen Trend hin zu sportlicherer Kleidung gibt. Das bekommen die Clubs natürlich auch mit und weiten ihre Angebote in den Fanshops aus.

Ich finde es immer schön, wenn jemand sich als Fan outet und fühle mich – zumindest mit HSV-Fans – automatisch verbunden. Dieses Gefühl der Gemeinsamkeit mit völlig fremden Menschen bewundere ich jedes Mal auch auf dem Weg ins Stadion.

dasschoenespiel.de: Heute haben viele Stars einen „Signature Boot“ des eigenen Ausrüsters auf dem Markt. Wie wichtig sind die Spieler als Influencer?

Ralf Leister: Auf einer Konferenz im letzten Jahr, sagte ein sehr einflussreicher PR-Berater, dass die Marktwerte der Spieler sich aus deren Leistung und ihrem Image ergeben. Dementsprechend ist ein positives Image für die Spieler und Clubs erstmal ein Selbstzweck. Da die meisten Fußballprofis automatisch eine attraktive Reichweite mit sich bringen, kann ich mir vorstellen, dass gerade Kinder und Jugendliche darauf anspringen.

Ich hatte früher Spieler-Poster aus der Bravo Sport in meinem Zimmer hängen. Heutzutage kauft man sich eben den „Signature Boot“ seines Lieblingsspielers.

All-Star Game in der Bundesliga und die zunehmende Belastung für die Spieler

dasschoenespiel.de: Mir kam schon oft die Idee eines „All-Star-Game´s“ für die Bundesliga in den Kopf. In der NBA ist dieses Spiel seit Jahren Tradition und bewegt Massen vor den Fernseher. Wäre ein solches Event auch für die Bundesliga denkbar?

Ralf Leister: Zugegebenermaßen habe ich zu den amerikanischen Sportarten nie einen wirklichen Bezug herstellen können. Spontan bin ich kein großer Befürworter dieser Idee – ich werde Dich aber auch nicht aufhalten, wenn Du sie irgendwo vorstellst.

Durch ein weiteres Spiel – und wenn es nur eines ist – sehe ich die Chance einer Übersättigung steigen. Außerdem fehlt mir der Sinn eines solchen Spiels. Ich persönlich bin kein Fan von Freundschaftsspielen. Zumindest schaue ich sie mir nicht an, da die Spieler nicht im absoluten Wettkampfmodus sind, was natürlich absolut vertretbar ist. Darüber hinaus sehe ich in der zusätzlichen Belastung der Spieler eine Gefahr.

dasschoenespiel.de: Vor der laufenden Saison sagte Carlo Ancelotti, dass die Spieler in wenigen Jahren 80 Spiele pro Saison absolvieren werden und das Training nur noch zur Regeneration dienen wird. Siehst du das ansteigende Pensum als Gefahr an?

Ralf Leister: Das habe ich gerade eben ja schon angedeutet. Natürlich wird sich der Fußball weiterentwickeln. Dass es dabei zu noch mehr Spielen kommt, befürchte ich auch. Ich hoffe jedoch, dass die Verantwortlichen sich für sich selbst und ihre Spieler stark machen. Sie sollten nicht nur die Kommerzialisierungs-Sicht einnehmen, sondern sich auch die Club-Brille aufsetzen. Aus wirtschaftlicher Sicht machen mehr Spiele – zumindest kurzfristig – Sinn, da mehr Spiele gleich mehr Einnahmen bedeuten.

Langfristig denke ich, dass die Spieler dadurch kaputt gehen, oder die Clubs zumindest zwei gleichwertige Kader brauchen, wie es Ralf Ragnick bereits vorgeschlagen hat.

Dass das Training nur noch zur Regeneration genutzt wird, kann ich mir nicht vorstellen. Der von mir angesprochene Zusammenhalt beruht nicht nur auf zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch auf Automatismen. Diese müssen die Spieler irgendwann trainieren. Sonst leidet die Qualität der Spiele.

Es bringt ja auch nichts 80 Spiele zu spielen, wenn diese dafür für Zuschauer nicht attraktiv sind.

HSV vs. Werder

dasschoenespiel.de: Zu guter Letzt noch eine persönliche Frage. Vervollständige diesen Satz: „Würde mein Kind Werder Bremen Anhänger werden, dann…“

Ralf Leister:…freue ich mich auf mindestens zwei spannende Nord-Derbies im Jahr – hoffentlich in der ersten Liga.

Lieber Ralf, vielen Dank für deine Antworten!

Du willst mehr über die Arbeit von Ralf Leister erfahren? Dann schau dir unbedingt fussballwirtschaft.de an! Gerne kannst du dich auch in den Kommentaren zum Interview mit Ralf Leister äußern 🙂

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